... oder “Der letzte macht die Erde sauber!”

3. Wie blind, taub und unbekümmert muß man eigentlich sein?

Jedes Jahr wird immer wieder darüber berichtet, daß Kunststoffabfall unsere Umwelt verunreinigt. Die Ausmaße2018 3 Affen nehmen regelmäßig zu und Gefahrstoffe wie bromierte Flammschutzadditive sind inzwischen schon fester Bestandteil unserer täglichen Nahrung.
Da dies offensichtlich für die Mehrheit der Gesellschaft nicht besorgniserregend oder von Interesse ist, haben wir beschlossen, diesen Beitrag nicht mehr zu aktualisieren.Der Aufwand wäre groß, man kann mit den Schreckensmeldungen kaum Schritt halten und es macht nur traurig.

Aber einer Gesetzmäßigkeit können wir alle nicht entfliehen: „Wer sich nicht anpaßt, stirbt aus!“
Das gilt auch für eine „Freie Marktwirtschaft“.

 

„Durch mich geht man zu dem verlornen Volke“ 
               Inschrift auf dem Tor zur Hölle in Dante’s „Göttliche Komödie“


roboter_waste-2.jpgAls wir das erste Mal über dieses Thema nachdachten, kam uns spontan das Bild eines kleinen Roboters in den Sinn, der auf einem riesigen Plastikabfallgebirge steht, konstruiert für selbständige Sortierarbeiten in Abfallsammelstellen. Während seine Erbauer schon lange ausgestorben sind, weil sie durch die selbstverschuldete Umweltverschmutzung der Erde nicht mehr überleben konnten, geht er – angetrieben durch Solarzellen - weiter seiner inzwischen unnötigen Aufgabe nach. Die bittere Ironie ist, daß wir ein paar Wochen später erfahren mußten, daß das Scenario bereits von Walt Disney umgesetzt wurde und als Trickfilm für die ganze Familie unter dem Titel „WALL-E – der Letzte räumt die Erde auf“ im Oktober 2008 in unseren Kinos anlaufen wird1). Vielleicht bringen wir ja so unseren Kindern spielerisch bei, was auf sie zukommt und mit den Kunststoffrobotern der Merchandising-Kampagne und dem Verpackungsabfall zu Hause können sie dann die Scenerie nachspielen.


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Nehmen wir die EU als Beispiel einer umweltbewußten Region, dann sagt uns die APME Studie2), daß sich nur aus den letzten 14 Jahren von 1993 bis 2006 noch 280 Millionen Tonnen Kunststoff im Umlauf befinden – theoretisch!.

Laut AMI 2007 European Plastics Industry Report3) geht zirka die Hälfte aller Thermoplasten in die Verpackung, aber wir sollten uns dadurch nicht zu der naiven Vermutung hinreißen lassen, daß die europäischen Bürger Kunststoff-Verpackungen zu Hause sammeln und zwischenlagern.
Wenn wir herauskriegen wollen, wo sich die riesigen Kunststoffmengen befinden, müssen wir an anderen Stellen suchen und etwas kreativer denken.  
 

1. Wie Abfall verschwindet oder bestattet wird
Deutschland ist ein sehr umweltbewußtes Land mit einem sehr fortschrittlichem Abfall-Sammel-Sortier & Recycling System und der entsprechenden Gesetzgebung. Es ist auch ein ideales Land, um mit Abfall reich zu werden. Laut wastecontrol4) produzieren wir in Deutschland zirka 25 Millionen Tonnen Müll pro Jahr, der seit Mitte 2005 nicht mehr einfach auf Deponien gekippt werden darf, sondern in Müllöfen verbrannt oder in sogenannten mechanischen biologischen Abfallanlagen sortiert und vorbehandelt wird. Rund 40 Milliarden Euro werden jährlich mit Abfall umgesetzt und nach Schätzung von Experten werden etwa sieben Millionen Tonnen Abfälle jährlich (also zirka 1/3) illegal in ehemaligen Gruben oder Tagebauen entsorgt. In ihrer Sendung vom 11. März 2008 zeigte ZDF Frontal21 5), daß dieser geschredderte Haus- und Gewerbeabfall einen hohen Kunststoffabfall enthält. Auf diesem Weg lassen sich mindesten ¾ der Kosten sparen; statt € 100 pro Tonne in einer Verbrennungsanlage fallen für die Tongrubenentsorgung nur € 40 an. Die Umweltschäden der illegalen Deponie sind beträchtlich, aber die Kosten für die Eindämmung und Beseitigung der Schäden bezahlt ja in der Regel der Steuzahler.

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www.pixelio.de - Bild: bernhard_2

Laut RBB-online6) gibt es inzwischen auch schon Krematorien, die Abfall zusammen mit Leichen verbrennen. Die Spezialisierung und das Streben nach privatem Wohlstand ist in unserer Gesellschaft halt nicht aufzuhalten.

Weil den Müllöfen duch die illegale Entsorgung der Brennstoff entzogen wird, steigen vielerorts die Abfallgebühren, denn es muß zusätzlich mit Öl gefeuert werden, um die nötigen Betriebstemperaturen zu erreichen.

Wenn wir uns nun vom „geregelten“ Deutschland dem Thema gesamteuropäisch nähern und Italien mit seinen chaotischen Müllproblemen und die neuen ost-europäischen EU Mitgliedsstaaten mit ihren weit von uns entfernten Tongruben, Deponien und mit EU-Geldern errichteten Verbrennungsanlagen in die Betrachtung mit einbeziehen, dann ergeben sich hier neue profitable Geschäftsmodelle und wir können uns auch durchaus vorstellen, daß auf diesen Wegen auch interessante Mengen an Kunststoffabfall bewegt werden.

2. Plastikfutter

Trotz Schutzmaßnahmen gehört die Deutsche Bucht laut Meeresbiologen der Universität Kiel zu den am stärksten mit Müll belasteten Regionen der Nordsee7). Mehr als 180 tote Vögel, die entlang der deutschen Küste gefunden wurden, sind seit 2002 in einer Studie untersucht worden. Fast alle (93%) hatten Plastikmüll im Magen. Statistisch waren es 29 Teile pro Tier, 26 davon „Verbraucherplastik“. Seit Jahren erfaßt die Naturschutz und Forschungsgemeinschaft den Müll, der auf Mellum und auf Minsener Oog angespült wird. Eine Auswertung für die Jahre 1991 bis 2002 ergab, daß im Schnitt fast 80% der gefundenen Müllteile aus Plastik, Styropor® oder Schaumgummi bestanden – insgesamt mehr als 25600 Stück. Nach Aussagen von Experten macht der Kunststoffmüll nach wie vor den höchsten Anteil aus und hat nicht wie gewünscht abgenommen.

bird_sceleton_algalita.jpgIn ihrer „Save the North Sea“ Fulmar Study 2002-20048) hat das niederländische Forschungsinstitut Alterra 600 tote Eissturmvögel obduziert, die an die Küsten der Nordsee geschwemmt wurden: 95% von ihnen hatten unverdaulische Abfälle gefressen, im Schnitt 44 Teile pro Tier.

Bereits 2004 beschrieb der Umweltjournalist Stephen Leahy9) in einem Artikel für die Meeresschutzorganisation Oceana, daß man oft Plastiktüten, Flaschenverschlüsse und Polystyrol-Kaffeebecher in den Mägen von toten Seelöwen, Delfinen und Seeschildkröten findet und er zitierte auch den damaligen U.N. Generalsekretär Kofi Annan der hauptsächlich Kunststoffabfall für den Tod von Millionen von Seevögeln und hunderttausend Meeressäuger und Seeschildkröten verantwortlich macht. Die Algalita Marine Research Foundation aus Californien berichtet seit Jahren über dieselben Probleme10).

3. Kunststoff-Abdeckungen und Bodenteppiche für Ozeane
Ungeheure Mengen von Abfall werden von Schiffen abgeworfen, von Flüssen ins Meer getragen und achtlos an den Küsten weggeworfen. Oceana schätzt, daß weltweit jede Stunde 675 Tonnen Müll direkt ins Meer geworfen wird, die Hälfte davon ist Plastik. Da nicht jeder Kunststoff schwimmt, geht man davon aus, daß 70% auf den Boden sinkt. Laut Greenpeace haben holländische Wissenschaftlern zirka 110 Teile Kunststoff-Abfall pro Quadratkilometer Meeresboden gezählt und errechnen daraus eine Menge von 600.000 Tonnen allein auf dem Grund der Nordsee13)

Aber wen stören schon 600.000 Tonnen Kunststoff wenn man laut WWF Bericht vom Juni 200711) zirka 1.3 Millionen Tonnen Kampfstoffe auf dem Meeresboden der Nordsee vermutet? Am Ende werden die Steuerzahler der Anrainerstaaten halt wieder die Reinigung oder mit ihrer Gesundheit bezahlen.
Richtig gruselig wird das Thema, wenn man anfängt, nach den 30% schwimmenden Kunststoff global zu recherchieren .

1997 machte Kapitän Charles Moore eine schockierende Entdeckung im Pazifischen Ozean als er mit seinem Katamaran Alquita bei einer Regatta zwischen Kalifornien und Hawaii eine Abkürzung segeln wollte. Er landete in einem schwimmenden Plastikfeld, das weit über den Horizont reichte12).
Heute nach einer Dekade findet das Thema auch den Weg in unsere Presse und dadurch wissen wir, daß man es „Trash Vortex“13) (Müll-Strudel) nennt und seine Größe auf zirka 1.400.000 km2 geschätzt wird, was etwa zweimal der Ausdehnung von Texas (695.600 km2) oder viermal der von Deutschland (357.092 km2) entspricht.

trash_vortex.jpgDie Masse wird auf zirka 100 Millionen Tonnen15) geschätzt und Markus Eriksen von der Agalita Marine Research Foundation (die übrigens von Kapitän Moore gegründet wurde) beschreibt die Konsistenz als endlose „Plastik-Suppe“. Ein Fünftel dieser Suppe, die von Bällen, Kajaks, Lego-Bausteinen bis Plastitüten nahezu alles enthält, stammt von Schiffen oder Ölplattformen; der Rest stammt vom Land.

Hier kommt auf ein Kilogramm Plankton mittlerweile sechs Kilogramm Plastik an der Oberfläche14). Man vermutet noch weitere Wirbel im Südpazifik (z.B. vor Japan), im Atlantik und im indischen Ozean10) mit etwas geringeren Mengen, weiß aber offensichtlich noch nichts Genaues über deren Lage. Da die Kunststoffsuppe lichtdurchlässig ist, kann man sie auch nicht auf Sattelitenfotos sehen.

Die Organisation "Green Ocean" beobachtet seit drei Jahren den Anstieg des Plastikmülls im Mittelmeer wo der Abstand zwischen zwei Plastikteilen inzwischen nur noch 80 cm an der Wasseroberfläche beträgt. Mit Hilfe von Unterwasserkameras und Sonar dokumentierte man schwebenden Plastikmüll bis zu einer Tiefe von 100 m und spürte regelrechte Felder am Meeresboden auf. Die Umweltbelastung des Mittelmeeres wurde mit zirka 200 Millionen Tonnen Plastikmüll berechnet23)

Das UN Environmental Programme schätzte im Jahre 2006, daß 90% des schwimmenden Abfalls in den Ozeanen aus Kunststoff besteht und das jede Quadratmeile zirka 46.000 schwimmende Plastikteile enthält.
Und wenn man sie denn findet, stellt man sich sofort die spannenden Fragen: „Wer ist verantwortlich? Wer sammelt die Suppe ein? Was macht man damit und wer bezahlt es?“
Annimierter Müllstrudel: Greenpeace

Erfahrungsgemäß kümmern sich nur engagierte Umweltschützer um solche Probleme und müssen sich über Spenden finanzieren, während die kunststoffverarbeitende Industrie über zu geringe Profitmargen für Massenkunststoffe und Konsolidierung klagt.

Oder es werden publikumswirksame Aktionen organisiert wie ein „Clean-up“ Wochenende im September 2006, als tausende Freiwillige aus 13 Ländern rund um das Mittelmeer und Pfadfindergruppen aus Algerien als Teil des UN Mediterrenean Action Plans die Strände reinigten21). Da laut des organisierenden UN Experten eine Plastiktüte 150 Jahre braucht, um im Meer und durch Sonneneinstrahlung zu degradieren, wird ein Wochenende nicht reichen.

Bisher gibt es noch keinen, der eine einfache Lösung vorgeschlagen hat. Die Ozeane sind zu riesig und das Problem zu groß.

Und um es noch schlimmer zu machen als es schon ist, haben Forscher inzwischen herausgefunden, daß diese Kunststoffe nicht nur toxische Additive enthalten, sondern wie ein Schwamm, Chemikalien wie Kohlenwasserstoffe oder Pestizide wie DDT and sich binden10).

An dieser Stelle muß man sich jetzt die schreckliche Frage stellen: „Wieviele Millionen Tonnen Plastikabfall liegen eigentlich auf dem Boden der Ozeane?“, da man ja davon ausgehen muß, daß nur 30% an der Oberflläche schwimmen.

Laut Expertenmeinung und gesundem Menschenverstand findet alles, was seinen Weg in die Meere findet, auch wieder hinaus zum Beispiel über die Nahrungskette.

4. Bequemer komfortabler Badestrand

Kunststoffteile werden im Wasser durch Sonneneinstrahlung und Wellenbewegungen allmählich fein zu Pulver gemahlen. Was daraus wird, weiß man nicht so genau, da es Plastik erst seit etwa 50 Jahren gibt und man sich erst jetzt der Größe des Problems bewußt wird.beach_sign-ger.jpg Der Biologe Richard Thompson und sein Team an der Universität von Plymouth14) untersuchen Sandproben und bestimmen Bruchstücke bis zu einer minimalen Größe von 20 Mikrometern (kleiner als der Durchmesser von menschlichem Haar) oder sogenannte Pellets, (auf dem Transport verlorenes Kunststoffgranulat), die man poetisch „Tränen der Meerjungfrau“ (mermaid’s tears) nennt17). Man kann nur hoffen, daß das kein Kunststoffrezyklat zweiter Wahl ist, daß seinen Weg nach Asien nicht gefunden hat. Thompson begann seine Studien 2004 mit der Untersuchung von 18 englischen Stränden und konnte nachweisen, daß Wattwürmer, Seepocken und Flohkrebse diese Kunststoffteile fressen. Wenn das Pulver fein genug ist, kann es sogar von Zooplankton aufgenommen werden und kann damit in der Nahrungskette aufsteigen. Der Sand am Strand von Plymouth besteht laut Thompson zu 5 – 10% aus Plastik.

microplastics.jpgThompson hat inzwischen noch rund 25 weitere Strände auf der ganzen Welt untersucht mit ähnlichen Resultaten.

Der Geochemiker Hideshige Takada von der Universität Tokio hat bei Untersuchungen von Plastikpellets in der Bucht von Tokio festgestellt, daß diese auch giftige und krebsverursachende Chemikalien wie DDT und polchlorierte Biphenyle anlagern.

Praktisch gesehen ist es eigentlich völlig unmöglich, Strände von diesem Kunststoffpulver oder Granulat zu trennen, denn man kann sie ja wohl kaum alle durchsieben. Somit bleibt uns nichts anderes übrig als abzuwarten, was mit unserer Nahrungskette passiert, denn deren Kunststoffanteil wird zunehmen, denn wir sind in der Regel erst zu überzeugen, etwas zu tun, wenn es schon zu spät ist. Der Kunststoff in den Weltmeeren und in unserer Stränden wird dort noch in vielen hundert Jahren vorhanden sein18). Der Anteil wird auch eher noch zunehmen denn abnehmen.

 5. Gebrauchte Computer und Handys für Entwicklungsländer
Laut Greenpeace werden tausende von Tonnen giftigen Elektronikschrotts aus Europa und den USA – oft illegal – nach Ghana verschifft30).

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Ein Junge transportiert Elektronikschrott vom Alaba-Markt in Lagos, Nigeria zu einer nahegelegenen ungenehmigten Müllkippe in einem Sumpfgebiet. Importierte unbrauchbare Fernseher und Computer, die nicht mehr repariert werden können, werden so entsorgt und verbrannt. 
© Basel Action Network 2008

Defekte Computer und Fernseher von Markenherstellern kommen in Containers fälschlich als „Second-Hand-Güter“ deklariert zum Beispiel von Deutschland, Südkorea, Schweiz und Niederlande aus nach Ghana und enthalten gefährliche Chemikalien wie Blei, Quecksilber und bromierte Flammschutzmittel. Die EU-Gesetzgebung verbietet zwar den Export von E-Schrott, aber der Export von alten Elektronikgeräten erlaubt es, kreativen Händlern vom Abfall-Dumping zu profitieren. In Ghana wird der Elektro-Müll von ungeschützten Arbeitern (auch Kindern) auf der Suche nach verkäuflichem Metall auseinandergenommen. Nicht verwertbare Teile wie Plastikgehäuse und Kabel werden verbrannt oder weggeworfen und Bodenproben belegen hohe Anteile von giftigen Metallen, Phtalaten (Weichmachern) und chlorierte Dioxine. Viele der gefundenen Chemikalien sind hochgiftig und können einen niedrigen Intelligenzquotienten im Erwachsenenalter, Krebs oder schwere Störungen des Hormonsystems verursachen. Ähnliches hat man schon zuvor in China, Indien und Nigeria festgestellt. Die Zustände auf solchen „Recycling Plätzen“ werden in der Photo-Gallerie der Basel Action Network (BAN)24) eindrücklich präsentiert.


1999_flame_retardants_by_region.jpgTraditionelle “desk top” Computer mit großen Monitoren können bis zu 1-3 kg Kupfer enthalten und es lohnt sich, dieses zu recyceln (die Frage ist nur: Wie?)28) aber für die Umweltjournalistin Elizabeth Grossman ist Kunststoff eine viel größere Herausforderung als Metalle, weil so viele verschiedene Kunststoffe in elektronischen Geräten zur Anwendung kommen29).

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Beim Zerschlagen der Bildröhren, um das Kupfer zu gewinnen, inhaliert man die sehr giftige Phosphorstaub-Beschichtung der Innenwand. Das mit Blei belastete Bildschirmglas wird später in Bewässerungskanäle entlang des Flusses geworfen. Das Grundwasser von Guiyu in China ist schon so kontaminiert, daß Trinkwasser regelmäßig mit Tankwagen herangeschafft werden muß.
© Basel Action Network 2008

Laut Science Daily werden bereits 70% aller Computer, Fernseher, Handies und anderer Elektonikschrott zum Recyceln nach China exportiert25).

Die Studie "Body Loadings and Health Risk Assessment of Polychlorinated Dibenzo-p-dioxins and Dibenzofurans at an Intensive Electronic Waste Recycling Site in China"26) beschreibt die angewandte Recycling Technologie wie Schmelzen von Leiterplatten über dem Kohlegrill oder das Erhitzen von Computergehäusen im Freien um Metalle zu isolieren und belegt die Dioxinbelastungen von Frauen im geburtsfähigen Alter. Pro Jahr werden allein in Taizhou zirka 2.2 Millionen Tonnen E-Schrott von zirka 40.000 Arbeitern zerlegt, um an die Metalle zu kommen.


Wahrscheinlich erfüllen Entsorgungsunternehmen der führenden Industrienationen hier eine wichtige wertschöpferische Aufgabe, indem sie den technologischen Fortschritt in Form gebrauchter Elektronik in Entwicklungsländer bringen, damit diese auch auf dem Gebiet des Elektronik-Recycling ihren technologischen Fortschritt ausbauen und besser auf dem Weltmarkt konkurieren können.

Der am Mittwoch den 20. August 2008 vom chinesischen Kaninett verabschiedete Gesetzesvorschlag zur Regulierung des Recycling von elektronischen Produkten, um die Umweltverschmutzung zu reduzieren27), könnte sich durchaus nachteilig auf diese Wertschöpfung auswirken und man darf gespannt sein, was die Regierungen der großen E-Schrott-Exportländer unternehmen werden, um ihre Abfallsammel-Unternehmen vor dieser Beschränkung des freien Welthandels zu schützen.

6. Tragik der Allmende 19) (Tragedy of the Commons)
Die Allmende ist eine Rechtsform gemeinschaftlichen Eigentums. Dies ist zum Beispiel ein Gemeindevermögen wie Wald, Gewässer zur Löschwasserversorgung oder eine Gemeindewiese, auf der alle Gemeindemitglieder ihre Nutztiere weiden lassen können (Alm). Der amerikanische Mikrobiologe und Umweltschutzexperte Garret James Hardin (* 21. April 1915; † 14. September 2003) entwarf die Theorie 1968 in einem Essay für die Zeitschrift Science unter dem Titel „The Tragedy of the Commons“.
Die „Tragik der Allmende“ ist ein unvermeindliches Schicksal der Menschheit, für das es praktisch keine technologische Lösung gebe. Hardin entwickelte seinen Beitrag aus seinem Nachdenken über die Folgen der Überbevölkerung.

Wenn ein öffentliches Gut uneingeschränkt allen Menschen zur Verfügung stehe, werde jeder versuchen, für sich soviel Ertrag wie möglich zu erwirtschaften. Das funktioniere, solange nur so viele Menschen das Gut (etwa eine Weide, auf der Hirten ihr Vieh grasen lassen) ausbeuten, daß das Gut nicht erschöpft.
Sobald jedoch die Zahl der Nutzer über ein bestimmtes Maß hinaus ansteigt, greife die „Tragik der Allmende“: Jeder versuche nach wie vor, seinen Profit zu maximieren. Nun reiche das Gut aber nicht mehr für alle. Die Kosten, die durch den Raubbau entstehen, trage die Gemeinschaft. Für den Einzelnen sei der augenblickliche Gewinn wesentlich höher als die erst langfristig spürbaren Kosten. Doch letztlich trage jeder sowohl zum eigenen als auch zum Ruin der Gemeinschaft bei, so Hardins Schlußfolgerung.

Ozeane werden ohne Skrupel überfischt, denn der Fischer profitiert nur wenn der Fisch sich in seinem Boot befindet. Für ihn macht es wenig Sinn, Fisch im Meer zu lassen, damit ihn jemand anders fängt. Die Größe des Fanges bestimmt seinen Erfolg und Erlös, während die Kosten – schrumpfende Fischschwärme – alle Fischer trifft.

Wenn wir das jetzt auf die Ozeane, Strände, Deponien und den Abfall - jeder hat ihn und möchte ihn loswerden - übertragen und kombinieren es mit illegalem Verhalten und einer genügenden Portion mangelndes Unrechtsbewußtsein, dann haben wir eine ideale Basis für die beschriebene Tragödie.
Stimmig wird das ganze durch eine Kombination mit Behörden

  • in Industrieländern, die vernünftige Regeln und Gesetze erlassen, aber nicht in der Lage sind (Budget und Personal), die Befolgung derselben durchzusetzen
  • in Ländern, wo solche Regeln und Gesetze dem Wunsche nach mehr Industrialisierung und damit dem eigenen Wohlstand eher im Wege stehen.

Mittendrin haben wir die globalen Unternehmen, die dorthingehen, wo die Produktionskosten und gesetzlichen Hürden am niedrigsten und der Profit am höchsten ist.

7. Schlußfolgerung

Die CreaCycle GmbH wurde 2002 gegründet, um gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut IVV CreaSolv®-Recyclingprozesse zu entwickeln, die einen Einsatz der zurückgewonnenen Kunststoffe in ihren ursprünglichen Anwendungen erlauben und in der Lage sind, Additive und deren gefährlichen Zerfallsprodukte zu entfernen.

Im July 2005 wurde das EPS-Loop Projekt erfolgreich abgeschlossen und damit bewiesen, daß es technisch und ökonomisch möglich ist. Bis heute ist das Interesse für ein solches Verfahren relativ gering geblieben und wir haben bisher vermutet, daß wir zu früh begonnen haben und der Markt einfach noch nicht bereit ist.
Führt man sich allerdings das oben beschriebene Desaster vor Augen, dann wird klar, daß wir vielleicht viel zu spät kommen.

Es ist offensichtlich, daß „die Tragik der Almende“ unsere Gesellschaft und Industrie davon abhält, das Richtige zu tun:

  • Solange man im großen Stil mehr Profit durch illegales Entsorgen erzielen kann, werden wir keine Kontrolle über bestimmte Stoffströme bekommen. –> Streben nach mehr Eigentum und Wohlstand
  • Solange unsere Institutionen nicht in der Lage sind, die Einhaltung existierende Gesetze zu erzwingen, gibt es auch keine Anreize, diese zu befolgen. –> Das öffentliche Gut Umwelt wird mutwillig zerstört und es gibt kein funktionierendes System, den Raubbau zu stoppen oder durch Repressionen unattraktiv zu machen.
  • Solange wir den Export von unserem Kunststoffabfall in andere Regionen erlauben oder forcieren, geben wir auch die Kontrolle aus der Hand, über das, was damit geschieht. –> Die Verantwortung liegt aber immer noch bei uns, im Besonderen wenn wir unseren Abfall wissentlich in Länder verbringen lassen, die geringere Kontrollen und Auflagen haben als wir selbst und auch nicht über die nötigen Technologien der Aufarbeitung verfügen. Damit betreiben wir Raubbau in anderen Gesellschaften, die allerdings mit uns auf derselben Erde leben und dieselbe Luft atmen.

Man kann sich wirklich nur wundern, wieso die Information über diese gewaltigen Umweltverschmutzungen erst heute nach 10 Jahren an die breite Öffentlichkeit dringen.
Noch viel wichtiger ist es, sich klar zu machen, daß Kunststoff, obwohl erst seit zirka 50 Jahren im Einsatz (weil er so gute Eigenschaften hat und so billig ist!) bereits unsere Ozeane und Strände gravierend und vielleicht unumkehrbar kontaminiert hat. Es gibt keine Lösungsansätze. Wir können nicht ermessen, was noch über die Nahrungskette auf uns zu kommt und wir wissen genau, daß noch mehr Kunststoff und deren Additive aus dem Meer heraus zu uns ans Land kommen werden. Und das noch über mehrere hundert Jahre lang, selbst wenn wir morgen die Kunststoffproduktion stoppen oder korrekt und verantwortlich mit unserem Abfall umgehen würden.

Es ist höchste Zeit etwas zu tun!


Es muß doch seltsam für uns Europäer sein, daß afrikanischen Staaten Plastiktüten bereits verboten haben (Südafrika -  Mai 2003; Eritrea, Ruanda, und Somalia – 2005; Tansania und Sansibar – 2006; Kenia und Uganda - Mitte 2007), während Italien und Frankreich dies erst für 2010 planen. Seit Irland seit 2002 per Gesetz Kunden für jede Tüte zur Kasse bittet, hat sich der Verbrauch um 90% reduziert. In Deutschland sind je nach Supermarkt Plastiktüten immer noch in Hülle und Fülle kostenfrei vorhanden. In den USA ist San Franzisko die erste Stadt, die Plastiktüten aus Supermärkten und Drogerien seit März 2007 verbannt hat. Kurz danach hat Kalifornien Gesetze erlassen, die eine Rücknahme und ein Recycling der Plastiktüten erzwingen. Ab 2010 wird dies auch in Los Angeles (2,3 Milliarden Tüten jährlich) der Fall sein. Die Ankündigung China’s (mit einem Verbrauch von 3 Milliarden Plastiktüten pro Tag!), das kostenlose Aushändigen von Plastiktüten und die Produktion von ultradünnen Tüten ab Juni 2008 zu verbieten, hat bereits zur Schließung der größten Kunststofftüten-Fabrik in der Henan Provinz geführt22).

waste_bowl.jpgAuf der anderen Seite werden wir immer mehr Handys, Computer und elektronische Geräte produzieren und diese immer öfter auswechseln, weil sich der Stand der Technik immer schneller verbessern wird und wir überall erreichbar und auf dem neuesten Stand sein wollen.
Für diesen Fortschritt braucht es neue wegweisende Recyclingtechnologien wenn wir nicht am Ende unfreiwillig unseren eigenen Kunststoffabfall verspeisen wollen.

Wenn wir heute nicht handeln, müssen wir uns nicht wundern, wenn die Geschichte von dem kleinen Roboter als letztem Bewohner der Erde wahr wird. Auch der 1973 erschienene Science Fiction Film „Jahr 2022 .... die überleben wollen“ (Originaltitel: Soylent Green)20) wirkt heute fast schon zu real, wie er die Probleme der exzessiven Nutzung endlicher Ressourcen, der Umweltverschmutzung, der globalen Erwärmung und der Überbevölkerung thematisiert.  Wer ihn kennt, weiss woraus Soylent Green besteht.

Man sollte durchaus anfangen, darüber nachzudenken, ob wir den Klimawandel und unseren Kunststoffabfall gleichzeitig in den Griff bekommen können.

Falls dann wirklich einmal Besucher nach uns auf der Erde landen und Ausgrabungen machen sollten, werden sie unsere Kultur vielleicht als sehr entwickelt bezeichnen und verwundert den Schluß ziehen, daß wir offensichtlich daran zugrunde gegangen sind, weil wir unserem Abfall die gleiche Ehrerbietung in Form von Bestattungsritien entgegenbrachten wie unseren Toten.

Wie sonst sind die immensen See- und Erdbestattungen unseres Mülls zu erklären.
Selbst vor der Abfall-Verbrennung zusammen mit unseren Toten scheinen wir ja nicht Halt gemacht zu machen.

                    
                                                             April 2008
                                                             Dr. Gerald G. Altnau
                                                             Gesellschafter der CreaCycle GmbH
                                                             Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots gesch├╝tzt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Literature

  1. „WALL-E – der Letzte räumt die Erde auf“ Walt Disney Zeichentrickfilmim, Start Oktober 2008. - Link
  2. APME – „The compelling facts about plastics“ published January 2008 - PDF
  3. Auszüge aus AMI 2007 European Plastics Industry Report, erschienen im CHEManager 5/2008, Dr. W. Wunderlich „Erfolge im globalen Wettbewerb“, PDF
  4. Wastecontrol (Initiative gegen illegale Abfallentsorgung – PDF ) Hintergrund Information
  5. ZDF Frontal 21, Sendung vom 11. März 2008 – Müll in Sachsen-Anhalt illegal entsorgt. - PDF
  6. RBB-online vom 26. Februar 2008 – „Verdacht: Müllverbrennung in Särgen“ - PDF
  7. FR-online vom 13. März 2008 „Wenn die Möwen Plastik futtern“ - PDF
  8. „Save the North Sea“ Fulmar Study 2002-2004 - PDF  
  9. Stephen Leahy, wired news for Culture Change , June 5, 2004 „Drowning in an ocean of plastic" - PDF
  10. Algalita Marine Research Foundation – current projects - Link
  11. 2007.06 WWF-Meeresbericht “Geplündert, verschmutzt und zerstört” - Link
  12. The Sydney Morning Herald December 29, 2007 “The plastic killing fields” - Link
  13. 2007 Greenpeace international “The trash vortex” - Link
  14. Der Spiegel 6/2008 vom 2. Februar 2008 „Das Müllkarussel“ - Link
  15. The Independent 5 February 2008, Kathy Marks: The world rubbish dump: a garbage tip that stretches from Hawaii to Japan - Link
  16. The Daily Galaxy, 31 December 2007, „Are there really continents of floating garbage?“ Link
  17. BBC December 7, 2006: Plastics poisoning world’s seas - Link
  18. Pacific Northwest April 23, 2006, Paula Bock: Oceans of waste - Link
  19. Tragik der Allmende – Wikipedia - Link
  20. Jahr 2022... die überleben wollen (Soylent Green) aus dem Jahr 1973 - Link
  21. BBC News 13 September 2006 „Mediterranean a dumping ground“- Link
  22. BBC News, 28 February 2008 „Plastic bag bans around the world“ - Link
  23. Plastic from the Sea "Plastik aus dem Meer" - File
  24. Basel Action Network (BAN) – Photo Gallery - Link
  25. Science Daily – Recycling of E-waste in China may expose mothers, infants to high dioxin levels - Link
  26. Ming H. Wong et al. “Body Loadings and Health Risk Assessment of Polychlorinated Dibenzo-p-dioxins and Dibenzofurans at an Intensive Electronic Waste Recycling Site in China”; Environ. Sci. Technol. 2007, 41, 7669 – 7674 - Link
  27. China Daily 2008-08-21 “China to regulate recycling of electronic waste” - Link
  28. Elizabeth Grossman – “Where computers go to die – and kill”, 10 April 2006 - File
  29. Green Diary June 1, 2007 – Elizabeth Grossman, an environmental journalist, explores the entire life cycle of high tech electronics - File
  30. Greenpeace 21 February 2008 - "Where does all the e-waste go?" - Link

 

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